Donnerstag, 27. März 2008

Wenn mich etwas berührt, dann muss ich schreiben....

Der alte Mann auf dem Fahrrad

Es ist ein regnerischer Tag im März, ein Mittwoch, dunkel, grau, kalt und irgendwie trostlos.

Ein Tag eben, an dem man eigentlich lieber daheim bleiben möchte, aber es geht nicht. Der Alltag ruft und er nimmt nicht wirklich Rücksicht auf das Wetter.

Ein alter Mann, jenseits der 70, dick eingepackt in einem schwarzen Anorak, eine warme Wollmütze fast bis zur Nasenspitze auf dem Kopf, rote Wangen von der feuchten Kälte, fährt schwerfällig sein altes Fahrrad die Straße entlang. Im Korb auf dem kleinen Fahrradgepäckträger steht eine Plastiktüte, die ihre besten Tage auch schon hinter sich hat. Er kommt vom Einkaufen, es muss wohl sein, sicher ist der Kühlschrank leer und ein hungriger Magen kann nicht auf Sonnenschein warten.

Mühsam und mit aller Kraft tritt er in die Pedale, die alten Gelenke bräuchten dringend eine Ölung, das alte Fahrrad auch. Die Straße hat eine leichte Steigung, aber der alte Mann wird es schon schaffen, er schafft es ja jeden Tag.

Sicher, es wäre einfacher, wenn er jemand hätte, der ihm diese schweren Wege abnehmen würde, zumindest bei so schlechtem Wetter. Aber seine liebe Frau liegt krank im Bett und das schon Monate. Sie kann ihm nicht mehr helfen, braucht aber seine ganze Kraft. Er muss sie pflegen, sich um sie kümmern. Und das tut er gerne, denn seine Frau ist sein Leben und seine Liebe, und dass schon seit 53 Jahren. Sie hat es verdient, dass er auch bei solchem Wetter für sie sorgt und ihre bescheidenen Wünsche erfüllt. Heute möchte sie sich Milchreis mit Zimt und Zucker. Er ist so glücklich, wenn sie etwas essen möchte. Und darum ist er auch gleich los, um Milch und Reis zu holen.

Der alte Mann fährt auf einer Vorfahrtsstraße.

Der junge Mann in dem dunkelblauen Fiesta bremst quietschend 2 cm vor der Haltelinie der Seitenstraße. Zwischen ihm und dem Fahrrad sind höchstens 20 Zentimeter. Erschrocken bremst der Alte mit aller Kraft, die Reifen rutschen auf dem nassen Straßenbelag, er springt vom Fahrrad. Sein Blutdruck geht in schwindelnde Höhen, er denkt, sein Herz bleibt stehen. Die Einkaufstüte bleibt gerade noch im Körbchen, alles ist noch ganz, nur der Schreck geht ihm sofort durch alle Glieder. Und er flucht.....schimpft......und versucht, sich wieder zu beruhigen.

Der Fahrer steigt nicht aus. Er erkundigt sich nicht, ob etwas passiert ist, er entschuldigt sich nicht für sein Fehlverhalten. Es passiert Sekunden nichts....

Dann dreht er die Scheibe herunter und sagt:“ Reg dich wieder ab, alter Mann, oder ist vielleicht irgendwas passiert!!“ Mit quietschenden Reifen fährt er weiter........

Traurig und nachdenklich fährt der alte Mann nach Hause. Er kocht seiner kranken Frau Milchreis mit Zimt und Zucker, füttert sie liebevoll und liest ihr dabei ihr Lieblingsbuch vor. Sie isst mehr als er zu hoffen gewagt hat und fällt anschließend in einen tiefen Schlaf – ein glückliches Lächeln auf ihrem noch immer sehr schönen Gesicht. Er liebt sie noch so sehr. Und er denkt daran, wer sie pflegen würde, wenn ihm etwas zustößt.....

Nein, er hat ihr nichts erzählt.....sie sah so hübsch und glücklich aus.....

März 2008 by A.K.
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Ich habe diese Geschichte gestern erlebt, stand fast daneben und es hat mich sehr berührt und traurig gemacht....


Sicher, die kranke Frau hab ich erfunden.......aber es könnte ja auch die Wahrheit sein......

Kommentare:

Birgit hat gesagt…

Vielen Dank, liebe Andrea, für diese Geschichte, die wirklich zum Nachdenken anregt.

Liebe Grüße

Birgit

Elke hat gesagt…

Hallo Andrea,
jetzt habe ich eine Gänsehaut bekommen.
Ja, das stimmt nachdenklich. Etwas mehr Rücksichtnahme und Respekt wünsche ich mir auch in dieser kalten, hektischen Welt.
Viele Grüße
Elke

minic hat gesagt…

Liebe Andrea,
eine traurige Geschichte, die du erlebt hast! Wir sollten alle viel mehr Rücksicht nehmen und älteren Menschen mit Respekt begegnen.
Ganz liebe Grüße von Antje

Tina (Tichiro) hat gesagt…

Mich macht sowas nicht nur traurig, sondern auch wütend. Bei sowas wünsche ich mir immer, 2m groß und sehr stark zu sein, dann würde ich den blöden Armleuchter im Fiesta aus seiner Kiste ziehen und ihm Benehmen und Rücksichtnahme reinprügeln - eine andere Sprache verstehen solche Leute eh nicht.

Liebe Grüße

Tina

Anonym hat gesagt…

... ich kann mich dem Geschriebenen nur anschliessen; es ist schon bitter, wie viele Menschen heutzutage drauf sind.

Gestern habe ich 2 Autofahrer erlebt, die sich gegenseitg fast weggehupt und wenigtens mit Gesten im Auto verprügelt haben (also nur bildlich zum Glück) - einer kam aus einer Ausfahrt auf eine vielbefahrene Strasse. Gut - er stand etwas unglücklich, aber der heranfahrende Fahrer hat nun schon weit voraus gesehen, dass da einer bisschen quer steht. Aber nein - anstatt halt einen Schlenker zu machen wildes Gehupe und Gezeter. Da meinte ein anderer Fussgänger zu mir, ob es wohl so schwer gewesen wäre, abzubremsen, sich kurz zuzuwinken und einfach weiterzufahren. Die Menschen müssen sich einfach wieder VIEL mehr auf ein MITeinander besinnen statt ein GEGENeinander. Scheiss Ellenbogengesellschaft (sorry, aber so ist es leider). Schön, dass dem alten Mann nichts weiter passiert ist - ausser einem Schreck.

LG; Anja (myblog.de/sockenanja)

Regina Regenbogen hat gesagt…

Herzzereißend. Ich habe schon wieder Tränchen. Der arme Mann tut mir so leid. Er muss ja vom Glauben abfallen ob dieser Unverschämtheit.

LG
Regina

Rina hat gesagt…

Lieben Dank

ich bewunderer dich nicht nur um deine Strickkünste, sondern auch darum wie du deine Gedanken immer so treffend in Worte fassen kannst.
Die Geschichte hat mich berührt und zeigt wieder einmal mehr auf, dass unsere Welt leider von Rücksichtslosigkeit geprägt wird.
Ich wünsche dir heute einen wunderschönen Tag mit lieben Menschen ( du gehst doch heute mit Freundin einkaufen und anschliessend Brötchen essen, oder ?? )
Liebe Grüsse
Rina

Andrea hat gesagt…

@ Rina

Ja genau...lach...heut ist der berühmte "Freitag" und ich schmecke das Roastbeef-Brötchen ,mit Remo und Ei und Gurke und Zwiebel jetzt schon auf meiner Zunge.....aber vor dem Vergnügen steht die Arbeit.....

Dir auch einen richtig schönen Tag wünscht Andrea

Nina-Strickmagie hat gesagt…

Hallo, liebe Andrea

Dein Erlebtes hat mich zutiefst gerührt.
Ich wünsche dir einen tollen Freitagseinkauf mit allem "Drum und Dran" und ein wunderschönes gemütliches WE.
Herzlichst
Nina

Karin O. hat gesagt…

Hallo Andrea,
wie gut Du diese Geschichte aufgeschrieben hast. Ja, so ähnlich könnte es sein - und wie achtlos handeln wir manchmal im Alltag.
Es tut gut, bei Dir im Blog zu lesen.
Übrigens MUSSTE ich mir nun unbedingt auch die Anleitung der Thuja-Weste bestellen :). Ich überlege aber auch sehr, ob ich mir nicht doch noch so Garn dazu bestelle *grübel*...aber ich hab doch noch sooo viel Garn im Vorrat, nur nicht gerade so Schönes...
Ganz herzliche Grüße
von Karin

Sockentrolli hat gesagt…

Ein Makel bei vielen Jüngeren ist, dass sie einfach immer alles richtig machen und das dann auch laut verkünden müssen. Schade, dass die Alten das nicht begreifen wollen. (*provokant zwinker*)

Falls dieser junge Mann tatsächlich auch mal ein Alter wird, die Wahrscheinlichtkeit scheint mir allerdings etwas gering, dann wird es wieder Junge geben, die ihm ähnlich entgegen treten. Woher wollen sie es auch anders wissen??? Schade eigentlich...

Platypus hat gesagt…

Wunderschön geschrieben! Danke dafür! lieben gruß vom Platypus